Die englischsprachige Value-Investing-Literatur ignoriert weitgehend, dass für deutsche Anleger andere Steuern, andere Brokers und andere Aktienuniversen gelten. Dieser Leitfaden schließt die Lücke. Er ist gedacht für deutsche, österreichische und Schweizer Privatanleger, die nach den Buffett-/Graham-/Lynch-Prinzipien investieren wollen, aber die DACH-spezifischen Besonderheiten verstehen müssen.
Was Value Investing ist
Im Kern ist Value Investing eine philosophische Position: Aktien sind Anteile an realen Unternehmen mit einem berechenbaren inneren Wert (intrinsic value), und der Markt schwankt zeitweise stark von diesem Wert. Der Value-Investor kauft Aktien, deren Marktpreis deutlich unter dem geschätzten inneren Wert liegt — die Sicherheitsmarge (margin of safety).
Die drei wichtigsten Frameworks, die ein Value-Investor heute kennen sollte:
- Warren Buffett (5 Säulen): wirtschaftlicher Burggraben, Ertragsbeständigkeit, Management-Qualität, Bilanzstärke, Bewertung
- Benjamin Graham (defensiv): P/E unter 15, P/B unter 1,5, Verschuldung niedrig, Dividende seit 20 Jahren
- Peter Lynch (GARP): Wachstum zu vernünftigem Preis (PEG unter 1), mid-cap, Geschäftsmodell muss verständlich sein
Auf invest-like.com werden sieben solcher Frameworks (zusätzlich Fisher, Greenblatt, Munger, T. Smith) parallel auf jede Aktie angewendet. Die Konsens-Stufe (5+/7 Frameworks zustimmend) ist das, was als hochwertiges Investment-Universum übrig bleibt.
Was deutsche Anleger anders haben
Vier strukturelle Unterschiede zu US-amerikanischen Value-Investoren:
Unterschied 1 — Quellensteuer auf US-Dividenden
US-Aktien zahlen Dividenden, von denen die USA eine Quellensteuer (Withholding Tax) von 15 Prozent einbehalten. Für deutsche Anleger mit einem ausgefüllten W-8BEN-Formular (alle gängigen Online-Broker reichen das automatisch ein) bleiben 15 Prozent in den USA, und die deutsche Abgeltungsteuer von 26,375 Prozent (inkl. Solidaritätszuschlag) wird anschließend auf die Brutto-Dividende erhoben. Die in den USA gezahlten 15 Prozent werden bis zu einer bestimmten Grenze auf die deutsche Steuer angerechnet, sodass effektiv etwa 26-30 Prozent Gesamtbelastung anfallen, je nach Höhe der Dividende und Steuerbescheid.
Vergleich: deutsche Dividenden werden nur mit der deutschen Abgeltungsteuer (26,375 Prozent) belastet, ohne den US-Quellensteuer-Umweg. Wer auf 4-Prozent-Dividenden-Yield-Aktien setzt, hat in deutschen Aktien einen netto-relevanten Vorteil von 30-60 Basispunkten pro Jahr.
Praktische Konsequenz: deutsche Anleger sollten Dividenden-Strategien in deutschen Aktien stärker gewichten als die englischsprachige Literatur vermuten lässt. Beispiele: Allianz, Münchener Rück, SAP, Deutsche Telekom, Siemens.
Unterschied 2 — XETRA-Tickeruniversum
Die meisten US-Value-Quellen verwenden NYSE/NASDAQ als Standarduniversum. Für deutsche Anleger ist XETRA die natürliche Ausgangsbasis: 30+ DAX-Werte, 50+ MDAX-Werte, 70+ SDAX-Werte, plus über 1.000 weitere Listings.