Der Buffett-Fit Score ist die zentrale Bewertungs-Kennzahl auf invest-like.com. Jede der über 12.000 indexierten Aktien hat einen aktuellen Score zwischen 0 und 100, der zu einer Note A+ bis D zusammengefasst wird. Was steckt mathematisch dahinter, und warum ist die Methodik öffentlich? Dieser Beitrag erklärt beides in voller Tiefe.
Was der Score misst
Der Buffett-Fit Score ist eine mechanische Anwendung der dokumentierten Investmentkriterien Warren Buffetts (aus 60 Jahren Berkshire-Hathaway-Aktionärsbriefen, Interviews und Vorlesungen) auf die aktuellen Fundamentaldaten einer Aktie. Er sagt nichts über kurzfristige Kursentwicklung, nichts über Zinsen oder Makro, und nichts über euer persönliches Portfolio. Er sagt: "Wie gut entspricht dieses Unternehmen, gemessen an seinen aktuellen finanziellen Kennzahlen, Buffetts dokumentiertem Kriterien-Set?"
Hohe Scores (85+, A+) signalisieren eine starke Übereinstimmung. Niedrige Scores (unter 40, D) signalisieren das Gegenteil. Ein durchschnittlicher Score (55-69, B-Note) liegt im "passt teilweise"-Bereich.
Die fünf Säulen
Jede Aktie wird auf fünf eigenständigen Säulen bewertet, jede mit einer eigenen 0-100-Skala. Der Composite-Score ist der gewichtete Durchschnitt der fünf Säulen, plus Deal-Breaker-Caps (siehe weiter unten).
Säule 1 — Wirtschaftlicher Burggraben (moat)
Misst, ob das Unternehmen eine strukturelle Wettbewerbsbarriere hat, die Wettbewerber daran hindert, die Renditen wegzukonkurrieren. Die quantitativen Anker:
- ROIC nachhaltig über 15 Prozent über mehrere Jahre (zeigt, dass eingesetztes Kapital deutlich über den Wettbewerbs-Renditen verzinst wird)
- Brutto-Marge nachhaltig über 40 Prozent in Branchen, in denen Wettbewerber niedriger liegen (echte Preissetzungsmacht)
- Qualitative Burggraben-Quellen: Marke, Wechselkosten, Netzwerkeffekte, Skalenvorteil, regulatorische Barriere
Eine Aktie mit ROIC von 25 Prozent über 5 Jahre und 60 Prozent Brutto-Marge bekommt typisch 80-90+ Punkte auf der Burggraben-Säule. Ein Commodity-Geschäft mit 8 Prozent ROIC bekommt 20-30 Punkte.
Säule 2 — Ertragsbeständigkeit (earnings durability)
Misst, ob die Erträge des Unternehmens konsistent durch volle Wirtschaftszyklen halten oder ob sie zyklisch schwanken. Die Anker:
- Variationskoeffizient (CV) des Net Income über die letzten 10 Jahre — niedrig ist gut
- CV der operativen Margen über die letzten 10 Jahre — niedrig ist gut
- Anzahl der Jahre mit positivem Net Income in den letzten 10 — hoch ist gut
Stabile Konsumgüter-Unternehmen (Beiersdorf, Procter & Gamble) bekommen typisch 80+ Punkte. Auto-Hersteller (BMW, Ford) bekommen 30-50, weil die Erträge zyklisch schwanken. Frühe Biotech-Unternehmen oft 0-20, weil sie noch keine ausreichende Ertragshistorie haben.
Säule 3 — Management-Qualität
Misst, wie die Unternehmensführung über Zeit Kapital eingesetzt hat. Die Anker:
- Kapital-Allokations-Historie: wie hat das Management das verfügbare Kapital eingesetzt? (Wachstums-Capex, Aktien-Rückkäufe, Dividenden, M&A)
- Insider-Eigentum: hohe Insider-Beteiligung deutet auf langfristige Ausrichtung
- Vergütungs-Disziplin: keine exzessiven Optionspakete, vernünftige Vorstands-Gehälter relativ zur Mitarbeiter-Basis
- Transparenz in der Aktionärs-Kommunikation: ehrliche Aktionärsbriefe, klare Sprache, Diskussion über Fehler
Familien-kontrollierte Unternehmen mit jahrzehntelang erprobtem Management (Beiersdorf, Hermès, Berkshire) bekommen typisch 80+ Punkte. Neu-IPOs ohne Management-Track-Record bekommen 30-50.
Säule 4 — Bilanzqualität (financial health)
Misst, wie konservativ die Bilanz strukturiert ist. Die Anker:
- Nettoverschuldung zu EBITDA: unter 1,0x ist Festungsterritorium, über 3,0x ist Risiko
- Current Ratio: über 1,5x ist gesund, unter 1,0x ist akut
- Zinsdeckungsgrad: EBIT zu Zinsaufwand, über 5,0x ist komfortabel
- Goodwill-Anteil: zu hoher Goodwill (M&A-overpaid) ist ein negatives Signal
Unternehmen mit Netto-Liquidität (Bilanz hat mehr Cash als Schulden, z.B. Apple, Microsoft) bekommen 90+ Punkte. Hochverschuldete REITs oder LBOs bekommen 30-50.
Säule 5 — Bewertung (valuation)
Die einzige Säule, die direkt mit dem aktuellen Aktienkurs zu tun hat. Misst, ob der Markt den Wert des Unternehmens fair oder unter Wert einpreist. Die Anker:
- Owner-Earnings-Rendite (FCF / EV): über dem 10-Jahres-Treasury-Zinssatz plus 3-4 Prozent Aktien-Risikoaufschlag ist günstig
- Discounted-Cashflow-Wert vs aktueller Aktienkurs (Sicherheitsmarge)
- EV/EBIT im historischen Quartil-Vergleich (Quintil 1-2 ist günstig, Quintil 4-5 ist teuer)
Eine wunderbare Aktie zum überteuerten Preis bekommt hier eine niedrige Punktzahl — und damit drückt sie den Composite-Score nach unten, auch wenn die anderen vier Säulen hoch bewertet sind. Das ist Buffetts Disziplin: "Eine wunderbare Aktie zu einem fairen Preis kaufen, nicht eine wunderbare Aktie zu jedem Preis."
Die Composite-Berechnung
Der Composite-Score ist der gewichtete Durchschnitt der fünf Säulen:
Composite = (Burggraben × 0,25) + (Beständigkeit × 0,20)
+ (Management × 0,15) + (Bilanz × 0,15)
+ (Bewertung × 0,25)
Burggraben und Bewertung sind die schwersten Gewichte (je 25 Prozent). Beständigkeit folgt (20 Prozent). Management und Bilanz tragen je 15 Prozent bei.
Die Gewichte spiegeln, was Buffett selbst in seinen dokumentierten Auswahl-Entscheidungen am stärksten betont: eine wunderbare Wirtschaft (Burggraben + Beständigkeit zusammen 45 Prozent) zu einem vernünftigen Preis (Bewertung 25 Prozent). Management und Bilanz sind Hygiene-Kriterien — sie müssen passieren, aber sie sind selten der Grund für eine Top-Score.
Die Note A+ bis D
Der Composite-Score wird zu einer Buchstaben-Note umgesetzt:
- A+ (85-100): wunderbares Geschäft zu wunderbarem Preis. Selten.
- A (70-84): wunderbares Geschäft zu vernünftigem Preis. Investment-Grade.
- B (55-69): gutes Geschäft zu fairem Preis. Beobachten oder kaufen mit kleinerer Position.
- C (40-54): durchschnittliches Geschäft oder durchschnittlicher Preis. Skip.
- D (0-39): schlechtes Geschäft oder überteuert. Skip.
Verteilung im aktuellen Universum (Mai 2026, ungefähre Zahlen): A+ ca. 80-100 Aktien, A ca. 400-500, B ca. 2.000-2.500, C ca. 5.000-6.000, D der Rest.
Deal-Breaker-Caps
Es gibt vier strukturelle Deal-Breaker, die einen hohen Säulen-Score auf eine niedrigere Buchstaben-Note kappen:
- Nettoverschuldung über 5x EBITDA: kappt auf maximal B (egal wie gut der Rest ist)
- Drei aufeinanderfolgende Jahre mit Net Loss: kappt auf maximal C
- Bewertungs-Säule unter 30: kappt auf maximal B (eine wunderbare Aktie zum völlig überteuerten Preis ist immer noch ein schlechtes Investment)
- Anhängige Rechtsverfahren über 20 Prozent Marktkapitalisierung: kappt auf maximal C
Die vollständige Deal-Breaker-Liste mit Begründungen ist unter /methodology/deal-breakers/ dokumentiert.
Warum die Methodik öffentlich ist
Viele Aktien-Bewertungs-Tools halten ihre Methodik proprietär ("trust the score, don't ask"). Wir nicht. Der Buffett-Fit Score ist vollständig öffentlich dokumentiert, weil:
1. Reproduzierbarkeit ist die Basis von Vertrauen. Wer der Berechnung nicht folgen kann, kann ihr nicht trauen. Wenn ein Anleger anderer Meinung ist, soll er es nachvollziehen können.
2. Bias-Audit. Eine öffentliche Methodik kann von Externen auf Bias hinterfragt werden. Geheime Methodiken sind oft genau dort schwach, wo es niemand prüfen kann.
3. Kein magisches Denken. Der Score ist ein deterministisches Ergebnis einer dokumentierten Formel angewendet auf öffentliche Fundamentaldaten. Es gibt keine KI, die "weiß", welche Aktien zu kaufen sind. Es gibt ein Framework, das Buffetts dokumentierte Kriterien mechanisch anwendet.
Was der Score NICHT macht
Drei wichtige Klarstellungen:
1. Der Score ist keine Kursprognose. Er sagt nichts über die nächsten 30 Tage. Aktien mit A+-Note können kurzfristig fallen. Aktien mit D-Note können kurzfristig steigen. Der Score ist über Jahre, nicht über Wochen, validiert.
2. Der Score ist keine personalisierte Anlageberatung. Eure persönliche Situation (Steuern, Zeit-Horizont, vorhandenes Portfolio, Risiko-Toleranz) ist nicht im Score enthalten. Konsultiert vor jeder Investition einen lizenzierten Finanzberater.
3. Der Score hat Lookback-Bias. Alle Metriken (ROIC, FCF, Margen-Stabilität) sind rückwärtsgewandt. Ein Geschäft, das 10 Jahre wunderbar war, kann nächstes Jahr aufhören wunderbar zu sein. Der Score sieht strukturelle Veränderungen nicht in Echtzeit.
Wo der Score verfügbar ist
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